Neues vom Brainless Racing Team
Schwäbisch Hill Event 2005
Ein Jahr kann lang sein, und ohne motorsportliche Herausforderung ganz schön öde. Uns war es müßig auf die nächste Ausgabe der Hannibal Challenge zu warten und schließlich waren wir auch scharf darauf, unser neu verbautes Material an der SS 50 zu testen. Noch besser, noch schneller, noch mehr Drehzahlen, das versprachen die Aufschriften auf den vielen bunten japanischen Kartons. Es sollte aber alles ganz anders kommen.
Auf der Suche nach neuen Herausforderungen sind wir auf neue Opfer gestoßen. Seit geraumer Zeit hatten wir diverse Veteranen- und Oldtimer-Rennveranstaltungen besucht und haben Blut geleckt. Da unsere SS 50 Baujahr 67 ist, können wir uns ohne Bedenken bei diesen Veranstaltungen anmelden. Auf der Rennstrecke haben wir jedoch keine Chance gegen 50 cm³ Zweitakt Kreidler Van Veen, das war uns bewusst. Was liegt also näher, als den richtigen PS Boliden mal zu zeigen, wo der 50 cm³ Hammer hängt und deshalb haben wir uns für Gleichmäßigkeitsbergrennen entschieden. Gleichmäßigkeitsbergrennen heißt: Auf der ca. 2.5 km langen Bergstrecke gilt es, sich im ersten Wertungslauf eine Zeit vorzulegen, die im zweiten Lauf möglichst exakt zu bestätigen ist. Jede 0.01 Sekunde Zeitunterschied zur vorgelegten Zeit aus dem ersten Lauf führt zu 0.01 Strafsekunden. Gewonnen hat der, der am wenigsten Strafsekunden hat.
Schauplatz: Retromotor 2005 in der schönen Universitätsstadt Tübingen
Austragungstag: 17.09.2005
Rainer Klink, enthusiastischer Oldtimer-Experte und Betreiber des „Boxenstop“
Museums in Tübingen und Veranstalter toller Rallyes und Ausfahrten, rief dieses
Jahr zum 18. mal zum Oldtimer Event „Retromotor“. Oldtimer, auf zwei oder vier
Rädern, mit Straßenzulassung, oder reinrassige Rennfahrzeuge, fahren hier beim
Gleichmäßigkeitsbergrennen, dem „Schwäbisches Hill Event“, um die Wette. Weil
Erik und ich diesmal gleichzeitig fahren wollten und um endlich auszuloten, wer
der bessere Fahrer von uns beiden ist, meldeten wir
zusätzlich zu unserer
SS 50 auch unser CY-Gespann zum Start an. Die CY 50 ist zwar kein Oldtimer,
jedoch hat sie aufgrund ihrer Seltenheit eine Sonderstartgenehmigung bekommen.
Ein Schweizer Philosoph und
Rennfahrer sagte einmal, dass der Sieg eine reine Kopfsache ist und schon vor
dem Start entschieden wird. Deshalb haben wir unsere CY ein wenig optisch
aufgemotzt, damit sie gefährlich daherkommt und natürlich um aerodynamisch das
letzte Zehntel aus ihr herauszukitzeln. Soundtechnisch verzichteten wir auf
einen Endtopf. Hier konnten wir erstens das für den Topspeed alles entscheidende
Gewicht sparen und zweitens lautet unser Motto: „Loud saves lives“. Wie bereits
erwähnt, ist alles eine reine Kopfsache und Soundtuning ist und bleibt das
mental effektivste und schönste Tuning. Um die brachiale Leistung unserer
Fuffziger auf den Asphalt zu bringen, montierten wir einen Mini Cooper
Hinterreifen. Das Cockpit der CB 50 musste herhalten, um in den Genuß eines
Drehzahlmessers zu kommen, damit wir das zur Verfügung stehende breite
Drehzahlband optimal nutzen konnten.
6:30 Uhr: Morgenappell
7:30 Uhr: Abfahrt nach Tübingen
9:00 Uhr: Ankunft in Tübingen, Startunterlagen am Boxenstop abgeholt und schon mal mit großen Augen die vielen Oldtimer bestaunt.
9:30 Uhr: Weiterfahrt zur „Rennstrecke“ an die Schönbuchsteige in Kirchentellinsfurt, einem kleinen Vorort vor Tübingen. Nachdem wir einen geeigneten Standplatz gefunden haben, lassen wir uns von den herumwuselnden Mitstreitern richtiggehend anstecken, laden schnell unsere Mopeds ab und machen sie rennfertig: Startnummern kleben, Motor warmlaufen lassen, Reifenwärmer aufziehen, Gespannkiste mit 300 Kg Ballast beladen um maximalen Kurvenspeed fahren zu können und einen auf dicke Hose machen. Um uns herum eine unvorstellbare Geräuschkulisse, hervorgerufen von ungedämpft laut brüllenden Rennmotorräder.
10:30 Uhr: Rein in die Lederkombi, Angstpipi machen und los geht’s zum
Vorstart. Hier trennen sich nun unsere Wege. Da meine CY nicht mehr so der
Straßenverkehrsordnung entspricht, hab ich das Privileg mit den Rennmotorrädern
auf der abgesperrten Strecke zum Start fahren zu dürfen.
Erik muss mit der SS
auf der öffentliche Straßen zum Start fahren, so wie es das Reglement für
zugelassene Fahrzeuge vorschreibt. Und wie anfangs erwähnt, geschah auf diesen
10 km das Desaster, welches aus dem ursprünglich geplanten Bericht über neue
Heldentaten unseren tapferen SS 50, schlagartig ein Bericht über unser
CY-Gespann werden ließ. Die SS hat also nach sage und schreibe 8 Km mit einem
Motorschaden das ZSeitliche gesegnet und hat somit nicht einmal die Zielflagge
gesehen. Anscheinend haben’s wir ein wenig mit dem 50 cm³ Tuning übertrieben und
waren wieder einmal um eine Erfahrung reicher, dass nicht immer viel auch viel
hilft. Damit wurde Erik zum Zuschauen verdammt und hatte auf einen Schlag
genügend Zeit sich seinem neuen Hobby, der Motorradfotografie, zu widmen.
11:00 Uhr:
Gemeinsam mit den Rennmotorrädern geht es im Konvoi zum Start. Ohrenbetäubender
Lärm. Zum Glück haben wir im Vorfeld den Drehzahlmesser an der CY montiert, so
dass ich sehen kann, dass mein Motor noch am Laufen ist. Im Anbetracht der
lauten Mitstreiter höre ich ihn schon lange nicht mehr blubbern. Blaue
Dunstwolken weißen darauf hin, dass Zweitakter anwesend sind. Mein Jagdtrieb
wird geweckt. Mit Vollgas ohne Rücksicht auf Verluste rasen wir den Berg
hinunter zum Start. Rechts und links von mir fliegen Oldtimer im unschätzbaren
Wert vorbei. Die genauso alten Fahrer lassen nix anbrennen. Das Rennfieber hat
jeden erwischt, entspanntes Konvoifahren stell ich mir anders vor.
11:10 Uhr: Die rasante Fahrt zum Vorstart glücklich überlebt, beginnt nun das lange gespannte warten auf den Einzelstart. Versuche das Klingeln und Pfeifen in den Ohren zu ignorieren.

11:30 Uhr: Die Startflagge fällt. Jetzt heißt es die nächsten 2,5 Km Vollgas fahren und möglichst nicht in den mit Zuschauer überfüllten Kurven vom Gespann fallen. Die erste 90° Kurve bezwinge ich akrobatisch, dann heißt es die CY 1,5 Km lang bergauf quälen, den Drehzahlmesser immer auf 6 Uhr stehend die Kurven meistern. Was würde ich jetzt für 138 PS unterm Hintern geben.

Die letzte scharfe Rechtskurve im Bergstück kommt in Sicht, nur noch 1 Km geradeaus fahren. Jetzt gilt es alle Gänge voll auszudrehen. Flach liegend um zwei Heuballenschikanen zirkeln (sollen den Topspeed auf der Geraden drosseln...hahaha....welchen Topspeed) eine letzte scharfe Rechtsbiegung und schon bin ich im Ziel. Adrenalin pur und das mit meinen paar Kubik. Wie geht es dabei bloß den Piloten mit ihren Rennmaschinen die auf dieser Strecke einen Topspeed von 220 Km/h fahren. Für mich unvorstellbar und zur Zeit noch unerreichbar.
11:33 Uhr:
Langsam den Puls runterfahren und auf Erik warten, der das
Streckenkontrollfahrzeug als Taxi missbraucht. Kreidebleich trifft er ein und
meint, dass er das nächste Mal die Strecke lieber zu Fuß läuft bevor er noch mal
per Anhalter fährt. Der anscheinend tattrige Rentner, der nach jedem Lauf mit
dem Strecken-kontrollfahrzeug die Rennstrecke abfährt, hat auch gerade nix
anbrennen lassen und inspizierte mit lockeren 140 Sachen die enge und kurvige
Bergstrecke. Eindeutig zu schnell für Erik, der noch ein Stück vom
Armaturenbrett zwischen den Zähnen hat und eine Kotztüte in der Hand hält.
13:00 Uhr: Mir kommt es vor als hätte ich ein déjà-vu der Prozedur von heute Morgen, nur das Klingeln und Pfeifen in den Ohren ist stärker.
14:00 Uhr: Die
Startflagge fällt erneut...........3 Minuten alles geben.....den Pöbel
belustigen ....die Zielflagge fällt......zitternd den Zündschlüssel
umdrehen...ein einmaliges Erlebnis.
17:00 Uhr: Siegerehrung. Für den dritten Platz hat es mit der CY 50 gereicht. Es kommt halt doch nicht auf den Topspeed an, sondern auf die Gleichmäßigkeit. Und gleichmäßig Vollgas fahren kann man mit einer Fuffziger. In Anbetracht der hubraumstarken Ducati-, Guzzi-, Kawa-, Honda-, BMW- Oldtimer- Konkurrenz ein beachtliches Ergebnis, welches wir nächstes Jahr auf alle Fälle toppen wollen. Wir kommen wieder, wollen doch auch der SS 50 noch eine reelle Chance geben mal den ganz Großen zu zeigen wo der Hammer hängt und zwischen Erik und mir ist auch noch nicht geklärt, wer von uns beiden der bessere Fahrer ist.
Euer Brainless Racing Team:
